Die Kinder von Hoheneck

 

Im März 1950 erhielt die Oberin eines Leipziger Krankenhauses die Aufforderung, auf das Polizeirevier zu kommen, ...

...um eine geheime Meldung entgegenzunehmen. Der Polizeipräsident Winkelmann teilte ihr mit, dass sie in ihrem Krankenhaus unverzüglich eine Kinderstation einrichten müsse, da noch am selben Abend ca. 20 - 30 Kleinkinder eintreffen würden.

... Der begleitende Offizier sagte der Oberin: "Die Kinder haben keinen Namen, sie sind unter der Bezeichnung "Kinder der Landesregierung" zu führen. Es ist verboten, eine Kartei anzulegen. Achten sie darauf, dass kein Wort davon an die Öffentlichkeit dringt."

... Am nächsten Tag musste die Oberin Lebensmittelkarten für die Kinder besorgen. Die Kartenstelle lehnte es ab, für Kinder ohne Namen Karten auszugeben. Auch der Hinweis auf den Polizeipräsidenten Winkelmann nutzte nichts. Daraufhin gelang es der Oberin, Blechmarken mit Nummern für die Kinder zu erhalten, die den größeren um den Hals, den Säuglingen ans Bettchen gehängt wurden.

... In großer Eile schrieb sich die Oberin die Namen ab und stelle fest, dass die Mütter in der Strafanstalt Hoheneck bei Stollberg interniert sind.

... Die Mütter waren alle erst in Sachsenhausen interniert gewesen, z. T. schwanger verhaftet, z. T. waren die Kinder in Sachsenhausen von deutschem Sanitätspersonal oder von russischem Wachpersonal gezeugt worden. Fast für jedes Kind war ein Bündel beigebracht mit zum Teil verwaschenen Sachen und oft einem herzzerreißenden Brief der Mutter, (d. h. abgerissenen Zetteln mit Kohle oder Mörtel beschrieben) mit Angaben von Gewohnheiten des Kindes und Bitten, es liebevoll zu behandeln. Auch Wünsche über die Weitergabe an bestimmte Verwandte waren dabei. [...] Hinweise wie: "Sascha hat nur in meinen Armen geschlafen, seid gut zu ihm." oder "Seid nett zu Dag, er kennt kein Bettchen." und andere erschütternde Bitten waren häufig. Die Oberin und ihre Schwestern versuchten allem nachzukommen, doch es war anfangs sehr schwer, da die Kinder Tag und Nacht nach ihrer Mutter riefen.

... Im Krankenhaus Leipzig blieben schließlich 16 Kinder übrig, die, wie der Polizeipräsident höhnisch meinte, keiner haben wollte. [...] Nach vielen vergeblichen Versuchen gelang es ihr schließlich im November 1950 die Kinder in Leipziger Kinderheimen unterzubringen.

... Jedem Kind wurde auf Weisung des Polizeipräsidenten ein Abmelde-Verpflegungsschein mit vollen Namen mitgegeben, letzter Aufenthalt: Krankenhaus Waldstraße, demnach auch Geburtsort. Die Kinder galten als Waisen. Der gesamte Schriftwechsel mit den Behörden und den Angehörigen wurde dem Polizeipräsidium ausgeliefert. Ein Auffinden der Kinder ist für die Angehörigen nunmehr sehr schwierig [...] da lt. Bestimmung des Innenministeriums vom Jahr 1952, diese Kinder in der Ostzone verbleiben sollen.

Januar 1953

(Aus einem Dokument im Archiv des Diakonischen Werkes Berlin)

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